Das Innere Kind
Ich sitze in Heidelberg mit meinen Kollegen in einem Besprechungsraum. Auf dem Tisch stehen Kekse und der Duft von frisch gebrühtem Kaffee liegt in der Luft. Der Beamer wirft eine Excel-Tabelle an die Leinwand und wir stimmen uns lachend und scherzend auf den Termin ein.
Es geht um die Neuorganisation unserer Abteilung. Wir diskutieren den Stand der Dinge und jeder spricht über seine Ideen. Egal, ob sie gut oder auf den ersten Blick nicht gut ist – jede Idee wird besprochen. Jede – bis auf meine. Ich bringe sie ein zweites und ein drittes Mal vor. Niemand reagiert darauf.
Ich werde wütend, laut und aggressiv. „Hör mir doch zu!“ schreie ich meine Kollegin an. Aber sie ignoriert mich. Schließlich beschließe ich trotzig nichts mehr zu sagen. Beleidigt verschränke ich die Arme vor der Brust und gehe in Abwehrhaltung.
Ich wollte einfach nur gehört werden. Ein „Ja, Marcus, ich habe Dich gehört.“ oder „Ich schreibe es auf.“ hätte mir vollkommen genügt.
Damals, während dieses Termins, wusste ich nicht, was da passiert ist. Heute weiß ich: Die Aggression entstand nicht, weil der erwachsene Marcus nicht gehört wurde, sondern weil mein Inneres Kind, der kleine Marcus von damals, nicht gehört wurde.
Du siehst wahrscheinlich schon, das war ein Trigger. Darüber habe ich in den Folgen 8 und 9 schon gesprochen. Heute möchte über das Innere Kind sprechen.
Das Innere Kind ist ein Teil in uns, der all die Erinnerungen, Gefühle und Erfahrungen unserer Kindheit in sich trägt. Es ist jener sensible, lebendige und manchmal verletzte Anteil, der immer noch in uns wirkt – egal, wie erwachsen wir heute sind.
Wenn wir wütend werden, uns zurückziehen oder verzweifelt nach Anerkennung suchen, dann ist es oft nicht der erwachsene Mensch, der reagiert, sondern das Kind in uns, das einst nicht gesehen oder nicht gehalten wurde.
Die Psychologin Stefanie Stahl hat dafür die Begriffe Schattenkind und Sonnenkind geprägt.
✨ Das Schattenkind trägt unsere Ängste, unsere Wunden und all die Momente, in denen wir uns klein, abgelehnt oder unwichtig gefühlt haben.
✨ Das Sonnenkind hingegen verkörpert unsere Freude, unsere Lebenslust, das Gefühl von Geborgenheit und Vertrauen.
Beide Anteile sind da. Beide gehören zu uns. Und unser inneres Gleichgewicht – ja, unser Glück – hängt davon ab, wie sehr wir fähig sind, beide Kinder in uns zu verstehen und zu umarmen.
Es geht nicht darum, das Schattenkind loszuwerden oder zu bekämpfen. Es möchte gehört werden – so wie ich damals als Kind oder als Erwachsener in der Besprechung gehört werden wollte. Es möchte, dass wir innehalten und sagen: „Ich sehe dich. Ich nehme deine Gefühle ernst. Ich bin jetzt für dich da.“ Erst wenn wir diesem Anteil Raum geben, kann er sich beruhigen.
Und dann öffnet sich der Weg zum Sonnenkind – zu dem Teil in uns, der lachen kann, der voller Neugier in die Welt blickt, der das Leben leicht nimmt. Das Sonnenkind zeigt uns, dass wir geliebt sind und dass wir – unabhängig von Leistung oder Anerkennung – wertvoll sind.
Wenn wir lernen, beide Kinder in uns anzunehmen, geschieht etwas Wunderbares: Wir spüren innere Ruhe. Wir können uns selbst halten. Und wir reagieren weniger automatisch aus alten Mustern heraus, sondern bewusster, liebevoller – uns selbst und anderen gegenüber.
Vielleicht fragst du dich jetzt: Wie beginne ich damit?
Es beginnt mit Achtsamkeit. Mit einem stillen Moment, in dem du deine Gefühle wahrnimmst. Wenn du dich verletzt, nicht gesehen oder klein fühlst – halte inne.
Frage dich:
✨ Welches Kind in mir meldet sich gerade?
✨ Wann habe ich diese Situation früher schon einmal erlebt?
Dann schenke ihm deine Zuwendung. Sag ihm „Ich sehe dich. Ich nehme deine Gefühle ernst. Ich bin jetzt für dich da.“ und nimm es an die Hand oder in dein Herz.
Das innere Kind ist kein Feind, es ist ein Schlüssel. Ein Schlüssel zu deinem Herzen.
Wenn du das Gefühl hast, dein Inneres Kind ruft nach dir und du wünschst dir Begleitung auf diesem Weg, dann bin ich für dich da. Gemeinsam können wir deine inneren Anteile besser verstehen und versöhnen.
Ich bin selbst diesen Weg gegangen und weiß, wie es sich anfühlt, wenn das Innere Kind laut wird.
Ich überhäufe dich nicht mit Konzepten, sondern begleite dich mit Herz, Tiefe und Achtsamkeit.
Denn meine Arbeit führt dich nicht nur ins Denken, sondern in ein Spüren – in Verbindung mit dir selbst.
Wenn du spürst, dass jetzt der Moment ist, dann lade ich dich ein: Lass uns gemeinsam hinschauen. Dein inneres Kind wartet darauf, von dir gesehen zu werden.
Den Podcast gibt es auf Spotify